ARMUTSKONFERENZ. Menschen, Texte ...
Alltagsgeschichten
Um die Armut klein zu kriegen
Um die Armut klein zu kriegen
Müsste man größer werden.
Den Gauklern wachsen Flügeln
Und die Pantomimen werden zu skurilen Gestalten.
Am Klo stirbt ein Mädchen.
Gab sich den letzten Schuß.
Ist doch schön, das Leben,
gibt's zum Überfluß - nicht für jeden.
Die Armut - Ja - is so a Gschicht.
Sie zu bekämpfen - leicht is nicht.
Vielleicht geht's murgn oda nächste Wochn.
Wenn wieda ana liegt im Dreck,
nemma an Besn und kehrn man weg.
Erwin Habich (aus der Straßenzeitung
"Augustin")
Menschen
Bei der Butter leistet sich Peter G. einen
Luxus. "Da nehm' ich immer die Primina, die ist zwar teuer, lässt
sich aber auch dann noch gut streichen, wenn es eiskalt ist", sagt
er, legt die Butter ins Einkaufswagerl zu dem Kilo Kristallzucker, den Packerlsuppen
und den Erdnüssen und fährt zur Kassa. Alles werde teurer, seufzt
er. Peter G. muss jeden Euro zwei Mal umdrehen, bevor er ihn ausgibt.
Mehr dazu
Eine 45-jährige verheiratete
Frau litt nach einer Kündigung und nach längerer erfolglosen
Arbeitssuche an einer Depression. Nachdem der Anspruch auf Arbeitslosenbezug
erschöpft war, stand sie ohne ein eigenes Einkommen da. Die Notstandshilfe
wurde vom AMS nicht gewährt, da der Verdienst des Ehemannes eine bestimmte
Grenze überschritt (ca. S 12.500,-).
Trotzdem sich die Frau von ihrer Depression erholen konnte, hatte sie wegen
ihres Alters, der langen Arbeitsunterbrechung und des zu geringen Arbeitsangebots
kaum Chancen auf einen Wiedereinstieg.
Dadurch dass die Frau beim AMS keine Leistungsansprüche mehr hatte, wurde
sie auch bei Qualifizierungs-, Aus- und Weiterbildungsmaßnahmen benachteiligt.
Eine Frau, 47 Jahre alt, 4 Kinder,
war durch die familiäre Situation gezwungen, Arbeit zu suchen. In ihrer
Partnerschaft war sie lange Jahre mit Alkohol, Gewalt und finanziellen Problemen
konfrontiert.
Zuletzt eskalierte die Situation dadurch, dass der Mann ihr den Unterhalt
verweigerte. Die Frau war diesen Belastungen nicht mehr gewachsen und vollzog
eine Trennung. Das Einkommen des Mannes war so gering, dass sie von dem ihr
zustehenden Unterhalt nicht existieren konnte. Zudem musste sie ihren Unterhalt
bei Gericht erst einklagen.
Sie versuchte verzweifelt Arbeit zu finden, was ein nahezu aussichtsloses
Unterfangen war. Die Frau hatte vor der Geburt ihrer Kinder im Verkauf gearbeitet,
wobei der berufliche Abschluss fehlt. Sie erfüllte keine Kriterien, die
ihr einen Leistungsbezug beim AMS ermöglichten und war daher auch benachteiligt,
was z.B. Kursmaßnahmen anbelangte. Erschwerend war ihre eingeschränkte
Mobilität, da sie am Land lebte.
Herr B. ist 34 Jahre alt. Er
kam in die Sozialberatung, weil er aufgrund einer 50%igen Streichung der Sozialhilfe
seinen Lebensunterhalt nicht mehr ausreichend bestreiten konnte. Das Sozialreferat
hatte Herrn B. Arbeitsunwilligkeit vorgeworfen.
Herr B. gesundheitliche Probleme: Zwölffingerdarmgeschwür und vor
einem Jahr einen Herzinfarkt. Er ist auf dem Arbeitsmarkt nur eingeschränkt
vermittelbar. Nach einer langen Obdachlosigkeit lebt Herr B. nunmehr in einer
betreuten Wohnform und spart auf eine Gemeindewohnung.
Familie K. lebte mit ihren zwei Kindern
(10 und 7 Jahre alt) in einer kleinen, dunklen 27m2 Substandardwohnung.
Die Wohnung verfügt über kein Bad und das WC befindet sich im Gang.
Es gibt Schulden bei den Stadtwerken, weshalb auch der Strom seit einigen
Jahren gesperrt ist. Weiters sind Mietschulden aus der Zeit vorhanden, als
die Familie aus einer Gemeindewohnung delogiert worden ist und es noch keine
Kinder gab.
Über das Jugendamt erhält die Familie eine Gemeindewohnung. Herr
K. arbeitet tageweise im Caritaslager. Über diesen Zusatzverdienst konnten
regelmäßige Zahlungen beim Stromrückstand eingehalten und
mit Hilfe finanzieller Unterstützung eine Aufsperrung des Stroms in der
neuen Wohnung erreicht werden. Frau K. besucht einen AMS-Kurs, der einen Wiedereinstieg
in das Berufsleben erleichtern soll. Die vierköpfige Familie hat ein
Gesamteinkommen von 15.000,-Schilling. Kosten bei Schulbeginn oder für
die Reparatur der Therme belsten die Familie stark.
Frau G. verliert ihren Job,
lebt von Arbeitslosengeld, dann von der Notstandshilfe. Frau G. heiratet und
bekommt ein Kind. Die Ehe ist von Anfang an konfliktreich und wird geschieden,
als die Tochter zwei Jahre alt ist. Der Vater des Kindes zahlt zwar Alimente,
möchte jedoch keinen Kontakt zu dem Kind. Frau G. kann die Trennung nur
schwer verkraften und erlebt nun auch hier ein persönliches Scheitern.
Sie zieht sich zurück und traut sich immer weniger zu.
Die wiederholten Versuche über Berufsorientierungskurse in die Arbeitswelt
zurückzukehren, scheitern vor allem daran, dass diese Kurse besonders
viel wert auf Gruppendynamik und Selbstdarstellung legen.
Frau G., die sich in einem bereits psychisch labilen Zustand befindet, ist
schwerst überfordert. Der Druck des AMS steigt. Frau G. schafft es, sich
in mehreren Arbeitsprojekten anzumelden. Die Wartelisten sind lang. Frau G.
resigniert immer mehr, zieht sich dann noch mehr zurück.
Peter, 16 Jahre,
wuchs gemeinsam mit drei Geschwistern bei seiner alleinerziehenden Mutter
in einer kleinen Landgemeinde auf. Das Einkommen der Mutter, die in einer
schlecht bezahlten Branche arbeitet, reichte - auch nachdem zwei seiner Geschwister
nicht mehr zu Hause wohnten - nur knapp zur Deckung des Lebensunterhalts aus.Die
mangelnde Unterstützung von zu Hause und der Einfluß der Gruppe,
der er sich angeschlossen hatte, wirken sich negativ auf seine Schulleistungen
aus. Das, was fehlte "erkaufte" er sich in der Clique. Zu den dadurch
angehäuften privaten Schulden kam noch eine Geldstrafe aufgrund eines
Delikts wegen leichter Körperverletzung. Er war in einem Raufhandel nach
dem Besuch einer Diskothek verwickelt.
Durch den negativen Abschluß des polytechnischen Lehrgangs war es ihm
trotz intensiver Suche nicht möglich, eine reguläre Lehrstelle zu
finden. Im Rahmen des NAP ist er in einer Stiftung beschäftigt und macht
dort seine Lehrausbildung als Maurer. Er bekommt dort keine Lehrlingsentschädigung,
sondern eine Entlohnung in der Höhe von monatlich 3.000,- Schilling.
Es besteht kaum Aussicht in ein reguläres Lehrverhältnis übernommen
zu werden.
Um seinen Arbeitsplatz erreichen zu können, muss Peter mit dem eigenen
Moped fahren - öffentliche Verkehrsmittel sind nicht vorhanden. Die Schulden
müssen zurückgezahlt werden. Fahrtkosten zur Berufsschule kommen
dazu. Peter redet immer wieder davon, seine Lehre hinzuschmeißen und
einen "gut" bezahlten Job anzunehmen.
Eine ca. 35-jährige Frau (geschieden, alleinerziehende Mutter zweier Kinder) arbeitet in einem Gemeindeamt in Teilzeit als Reinigungskraft durchschnittlich sechs Monate im Jahr. Die restlichen sechs Monate bekommt sie schwer eine andere Arbeit, weil sie keine abgeschlossene Ausbildung hat. Die Arbeitslose und Notstandshilfe sind so gering (da sie von ihrem geringen Einkommen bemessen werden), dass sie davon nicht leben kann. Die langen arbeitslosen Zeiträume wirken sich negativ auf ihre Pension aus. Sie wird, wie viele Frauen, erst im Alter in Form einer Ausgleichzulage ein garantiertes Mindesteinkommen erreichen.
"Ich war über 16 Jahre in
der Kantine und später auch in der Küche eines Großbetriebes
beschäftigt. Nach einer etappenweisen Personalreduzierung von früher
sieben auf zuletzt zwei Personen wurden diese Arbeitsbereiche einer Personalleasingfirma
übergeben. Ich war sehr depremiert, konnte nicht mehr schlafen. Ich kam
mir vor wie ein dreckiger Fetzen, den man wegwirft. Seither habe ich schon
mehr als hundert Firmen angerufen und viele Vorstellungsgespräche geführt.
Die Hauptursache, warum ich immer wieder Absagen bekomme, ist mein Alter".
E.F., 49 Jahre
Von Armut bedroht
Sie haben zwar seit kurzem einen Job. Da Sie aber verschuldet sind und die Firma nun eine Lohnexekution für Sie hereinbekommen hat, werden Sie wieder gekündigt, obwohl Sie Ihre Arbeit gut gemacht hätten. Leider können Sie aber Ihre Schulden mit dem Arbeitslosengeld nicht regulieren, da dieses gerade zum Leben reicht.
Seit der Scheidung sind Sie obdachlos und verbringen die Nacht in der Notschlafstelle. Damit Sie sich wieder eine eigene Wohnung leisten können, bräuchten Sie dringend einen Job. Bei allen Vorstellungsgesprächen, bei denen Sie die Notschlafstelle als Ihre Meldeadresse angeben mussten, hat man Ihnen gesagt, dass Sie benachrichtigt werden, ob Sie den Job bekommen. Bisher hat sich aber keine der 15 Firmen, bei denen Sie waren, gemeldet.
Nachdem es für Sie als Alleinerzieherin von drei Kindern gar nicht so einfach ist, einen Job zu finden, hatten Sie nun das Glück, bei einer Personalleasingfirma einen Job als Hilfsarbeiterin zu finden. Sie arbeiten im Schichtbetrieb in einer Lebensmittelfirma und verdienen S 10.000,- netto. Sie werden um 4 Uhr von einem Firmenbus abgeholt. Zum Treffpunkt müssen Sie in der Nacht bei jedem Wetter und jeder Jahreszeit mit dem Moped durch halb Linz fahren, da um diese Zeit noch keine öffentlichen Verkehrsmittel gehen. Ihre Kinder müssen dann allein aufstehen und in die Schule fahren. Einerseits haben Sie aufgrund dieser Rahmenbedingungen große Bedenken den Job anzunehmen, andererseits sind Sie weiterhin vom Arbeitsmarktservice abhängig und es droht eine Sperre der Notstandshilfe für 6 Wochen, sollten Sie den Job nicht annehmen.
Als Vater von drei kleinen Kindern und Alleinverdiener in der Familie haben Sie nach einer vorübergehenden Arbeitslosigkeit endlich wieder einen Job gefunden. Ohne abgeschlossene Berufsausbildung sind Sie als Hilfsarbeiter angestellt. Als solcher verdienen Sie gerade so viel, dass Sie die laufenden Lebenserhaltungskosten Ihrer Familie damit decken können. Sorgen machen Ihnen allerdings die Rückstände bei Strom und Miete, die während der Zeit Ihrer Arbeitslosigkeit entsanden sind.
Unsere Personalleasingfirma ist bereit, Sie für drei Monate an eine Metallverarbeitungsfirma zu verleihen. Sie arbeiten im 4-Schicht-Betrieb. Ob wir Sie nach diesen drei Monaten noch weiter beschäftigen können, hängt von der jeweiligen Auftragslage ab.
Sie haben sich auf ein Inserat hin für eine Heimarbeit beworben. Sie können für ein Wollgeschäft Musterpullover stricken. Das Wollgeschäft kauft Ihnen diese Pullover um 500,- bis 700,- Schilling ab, wenn sie einwandfrei und ohne Fehler von Ihnen gefertigt wurden. Die Arbeitszeit für einen Pullover beträgt ungefähr 50 Stunden. Wenn Sie Tag und Nacht durchstricken könnten, würden Sie damit ca. 8.500,- Schilling im Monat verdienen.
Europa: Voices from the poverty line (Stimmen von der
Armutsgrenze)
Voices from the poverty
line (pdf)

